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Künstlerkolonie Nidden auf der Kurischen Nehrung - Zu Gast in Ferch

Das Fischerdorf Nidden - heute Nida - in Litauen wurde in den 1850er Jahren von Malern aus Königsberg entdeckt. Es zog viele Persönlichkeiten an, beispielsweise Wilhelm von Humboldt, Joachim Prinz von Preußen, Siegmund Freud, Heinz Rühmann und Thomas Mann. Nidden entwickelte sich in den Sommermonaten zum Künstlertreffpunkt - ähnlich wie die Havelländische Malerkolonie.

Im 20. Jahrhundert wurde Max Pechstein zum bedeutesten Künstler der Kurischen Nehrung, die er im Jahr 1909 das erste Mal besuchte. Nidden ließ nicht nur seinen eigenen Malstil reifen, sondern wirkte auch stilbildend für die gesamte Künstlerkolonie. 1913 verbrachte auch der Brücke-Maler Karl Schmidt- Rottluff dort den Sommer.

Weitere Künstler der Kolonie waren die Repräsentanten des Klein-Kurener Kreises Waldemar Rösler, Artur Degner, Alfred Partikel und Franz Domscheit. Von 1914 bis 1918 gehörte auch Theo von Brockhusen zu diesem Kreis.

Künstlerkolonie Nidden - Zu Gast in Ferch

Titelbild der Einladungskarte
 Georg Lehmann-Fahrwasser: Abend auf der Hohen Düne
Georg Lehmann-Fahrwasser
Abend auf der Hohen Düne
Öl auf Leinwand
Carl Knauf: Morgen bei Purwin
Carl Knauf
Morgen bei Purwin
Öl auf Sperrholz
Paula Staschus-Floess: Das Fischerdorf Purwin
Paula Staschus-Floess
Das Fischerdorf Purwin
Öl auf Leinwand
 Carl Knauf: Kurenkähne im Morgenlicht
Carl Knauf
Kurenkähne im Morgenlicht
Öl auf Hartfaserplatte
 
       

Die Ausstellung präsentierte die Malerei und die Graphik einiger deutscher Künstler, die in den Jahren 1900 - 1939 an der Kurischen Nehrung weilten. Dort entstanden Werke, die vor allem ihr vitales Interesse an dieser Landschaft, dem Italien des
Nordens, bezeugen.

Nidden auf der Kurischen Nehrung, ein abgelegenes, sehr ärmliches Fischerdorf gehört zu jenen Künstlerorten, die weniger durch einen Kunststil oder berühmten Künstlernamen, sondern durch sich selbst geprägt sind. Niddens Merkmal sind die großen Wanderdünen, die man die preußische Sahara nannte.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde das Dorf von Malern aus Königsberg entdeckt: Sie waren von der Schönheit der Landschaft und der Ursprünglichkeit der Bewohner tief beeindruckt. Die ersten Gemälde mit Motiven aus Nidden erschienen in den Ausstellungen der Königsberger Kunstakademie um 1850. Die Eroberung der Landschaft durch die Kunststudenten vollzog sich auf Exkursionen; Lovis Corinth (1858-1925) berichtete darüber in seinen Erinnerungen. In der Zeit bis 1900 war Corinth der wohl bekannteste unter den Malern.

Bis etwa 1900 war Nidden nur ein Reiseziel neben manchen anderen im nördlichen Ostpreußen. So trafen sich einige Jahre regelmäßig in Klein-Kuren an der samländischen Steilküste die Maler Theo von Brockhusen, Artur Degner, Alfred Partikel und Waldemar Rösler; die in der freien Natur Landschaftsgemälde schufen. Sie verfolgten die Stilrichtung des Impressionismus und des Post-Impressionismus. Bis 1920 diente Nidden in gewisserWeise als Opposition zur Königsberger Kunstszene, die sich diesen neuen stilistischen Strömungen noch verschloss.

Zum bedeutendsten Künstler im 20. Jahrhundert für Nidden wurde Max Pechstein. Das Mitglied der expressionistischen Gruppe Die Brücke kam 1909 zum ersten Mal auf die Kurische Nehrung. Nidden ließ nicht nur seinen eigenen Malstil reifen, sondern
wirkte auch stilbildend auf die gesamte Künstlerkolonie in dieser Zeit. Die Werke von Karl Eulenstein belegen das ebenso eindrücklich. Nach einem kurzen Aufblühen der Künstlerkolonie um 1910 -  mit den Höhepunkten unmittelbar vor dem  Ersten Weltkrieg und den stürmischen Jahren 1919 und 1920 - schien es durch die politischen und wirtschaftlichen Umstände einen Rückschlag gegeben zu haben. ln Folge des Ersten Weltkrieges wurde das nördliche Ostpreußen und mit ihm die Kurische Nehrung dem Völkerbund unterstellt. 1923 besetzte Litauen das Gebiet.

Doch ab Mitte des Jahres 1924 deutete sich wiederum eine Wende an. Mit der Reise Thomas Manns und seiner Familie nach Nidden im Sommer 1929 und dem Bau von dessen Sommerhaus wurde wohl das Ende der unsicheren Zeit und der Beginn der zweiten Blüte Niddens eingeläutet. Langsam festigte sich das Bewusstsein für die besondere Bedeutung Niddens und speziell des Gasthofs von Hermann Blode als Zentrum der "Sandakademie". Ab Mitte der zwanziger Jahre des 20.Jahrhunderts konnte
man in der bildenden Kunst die wachsende Tendenz zu einem neuen Naturalismus beobachten.

Die Gemälde von Carl Knauf sind dafür ein typisches Beispiel: Sie sind durch ein feines Farb- und Lichtgefühl sowie eine hervorragende Komposition gekennzeichnet. Mit seinen Landschaftsbildern aus Nidden erreichte der Maler eine breite künstlerische Anerkennung. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten trieb Thomas Mann und seine Familie aus Deutschland in die Schweizer Emigration. Für andere Unangepaßte vermochte das künstlerische Milieu Niddens in den dreißiger Jahren eine politische Nische zu bieten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg geriet das Künstlerdorf Nidden für deutsche Künstler und Kunsthistoriker langsam in Vergessenheit, da die Kurische Nehrung für sie praktisch unerreichbar wurde. Nachdem Litauen 1991 unabhängig und somit das Reisen erleichtert wurde, erwachte das Interesse an Nidden erneut.

Die Entscheidung, die Gemälde aus dem Künstlerdorf Nidden zu präsentieren, ist nicht zufallig getroffen worden: Nidden und Ferch verbindet mehr als nur die gemeinsame Mitgliedschaft in der EuroArt. Es ist vor allem die Tatsache, dass viele Maler wie Theo von Brockhusen, Max Pechstein, Oskar Moll, Hans-Otto Gehrcke, Erich Thum, Georg Lehmann-Fahrwasser, Siegward Sprotte u. a. sowohl am Schwielowsee als auch an der Kurischen Nehrung gemalt hatten.

Unser Dank gilt Herrn Dr. Bernd Schimpke, der in den letzten zwanzig Jahren eine umfangreiche Sammlung von Kunstwerken aus Nidden zusammengetragen hat. Seine private Kollektion bildet den Grundstock unserer Ausstellung.

Text: Prof. Dr.Jelena Jamaikina